Die Bewegungsmuster von Menschen sind sehr viel leichter vorhersehbar als angenommen: Obwohl vielfach das Gefühl vorherrscht, man sei sehr spontan, ist die tägliche Mobilität sehr stark von Routinen und Regeln geprägt. Das hat ein amerikanisch-chinesisches Forscherteam entdeckt, als es in einer großangelegten Studie die Bewegungsmuster mehrerer tausend Mobiltelefonnutzer untersuchte. Die Wissenschaftler werteten die Sende- und Empfangsdaten der Telefone aus und konnten damit den jeweiligen Aufenthaltsort der Personen ermitteln. Das ergab ein überraschendes Bild: Selbst Menschen, die sehr viel reisten, bewegten sich größtenteils immer wieder nach dem gleichen Muster. Diese Muster zu kennen, ist beispielsweise für die Vorhersage von Epidemien und die Städteplanung wichtig.
Viele Modelle, die das Mobilitätsverhalten von Menschen analysieren, gehen davon aus, dass sich die einzelnen Personen sehr zufällig im Raum bewegen. Wenn sie sich in einer größeren Menschenansammlung befinden, entscheiden sie demnach aus dem Moment heraus und zufällig, in welche Richtung sie weitergehen, besagt zum Beispiel das sogenannte Lévy-Walk- oder Lévy-Flug-Modell. Nach Ansicht der Forscher um Chaoming Song von der Northeastern University in Boston bewegen wir uns jedoch nicht so unvorhersehbar, wie es diese Modelle implizieren.
Aus ungefähr einer Million Mobiltelefonnutzern wählten die Wissenschaftler 50.000 Personen aus, die sich täglich zwischen mehr als zwei verschiedenen Orten bewegten und die im Durchschnitt mindestens jede zweite Stunde ein Telefonat führten. Die Daten deckten einen Zeitraum von drei Monaten ab und wurden ursprünglich zur Gebührenerfassung erhoben. In anonymisierter Form wurden sie dann den Forschern zur Verfügung gestellt. Der Datensatz enthielt Informationen zur Lage der Mobilfunkantennen, die die Vermittlungsstelle zwischen Anrufer und Empfänger darstellen. Da diese Antennen einen Empfangsbereich von nur etwa drei Quadratkilometern haben, konnten die Wissenschaftler bei jedem Anruf den Aufenthaltsort der untersuchten Personen ziemlich genau feststellen.
Die meisten Mobiltelefonnutzer bewegten sich lokal zwischen ein paar wenigen Orten. Einige wenige legten jedoch regelmäßig riesige Distanzen zurück und reisten sehr häufig. Deswegen erwarteten die Forscher, dass der Standort von Menschen, die nur wenig reisten, leichter zu bestimmen sei, als der Aufenthaltsort von Personen, die dauernd unterwegs sind. Die Annahme erwies sich jedoch als falsch: Die Mobilitätskarten, die die Forscher zu jedem Telefonnutzer anfertigten, zeigten, dass sich beide Gruppen sehr vorhersehbar bewegten. In 93 Prozent der Fälle gelang es den Wissenschaftlern, die Bewegungen der untersuchten Personen vorauszusagen.
Chaoming Song (Northeastern University, Boston) et al.: Science, doi: 10.1126/science.1177170 ddp/wissenschaft.de ? Regula Brassel