Die Jagd gilt als wichtiger Treiber der menschlichen Evolution. Denn die tierische Kost lieferte unseren Vorfahren wertvolle Proteine und Nährstoffe für ihre Gehirnentwicklung – und brachte so ihre kognitiven und kulturellen Fähigkeiten voran. Der Übergang zum Jäger und Sammler könnte daher ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum modernen Menschen gewesen sein. Gestützt wird diese Annahme durch Beobachtungen bei unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen: Obwohl Schimpansen und Bonobos primär Pflanzen fressen, jagen auch sie manchmal Tiere.
Wer übernahm bei unseren Vorfahren die Jagd?
Doch wer waren die Jäger bei unseren Vorfahren? Bisher galt die Jagd eher als Männersache - auch weil Beobachtungen bei wildlebenden Schimpansen dies nahelegten. Wenn diese Menschenaffen im Kronendach des Regenwalds auf Jagd nach kleineren Affenarten gehen, bestehen die Jagdgruppen vorwiegend aus Schimpansenmännchen. Sie sind es auch, die dann das Fleisch der getöteten Beute verteilen und den größten Teil für sich reklamieren.
„Bei Schimpansen ist die Jagd eine Angelegenheit der Männchen, weil Besitz und Kontrolle der Beute mit Dominanz zusammenhängen“, erklärt Seniorautorin Barbara Fruth vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie. Doch die Schimpansen sind nicht die einzigen eng mit uns verwandten Menschenaffen, die andere Tiere jagen: Auch die kleineren Bonobos sind häufige und gute Jäger. „Bonobos erbeuten nicht nur eine große Vielfalt an Tieren, ihre Gemeinschaften entwickeln auch ausgeprägte Jagdkulturen“, berichtet Fruths Kollege Gottfried Hohmann, Erstautor der aktuellen Studie.
Bei Bonobos läuft es anders
Bisher war jedoch unklar, wer die Jäger bei den Bonobos sind: Männchen oder Weibchen? Um dies zu klären, haben Hohmann und seine Kollegen erstmals Langzeit-Beobachtungsdaten zum Jagdverhalten von zwei wildlebenden Bonobo-Gemeinschaften in der Demokratischen Republik Kongo ausgewertet. Über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg haben Biologen dort insgesamt 415 erfolgreiche Jagden der Bonobos beobachtet und dokumentiert – meist waren andere Affenarten oder kleinere Huftiere die Beute.
Die Auswertung ergab Überraschendes: Anders als bei den Schimpansen ist die Beutejagd bei den Bonobos offenbar keine Männersache. In 60 Prozent aller beobachteten Jagden waren Bonoboweibchen diejenigen, die die Beutetiere fingen und töteten. „Sie waren die Initiatorinnen dieser Jagden“, berichtet Hohmanns Kollege Mattia Bessone. Die Bonoboweibchen jagten zudem unabhängig davon, ob sie gerade Nachwuchs hatten oder nicht.

Anteil der Weibchen bei der Jagd auf Huftiere (blau), andere Affen (orange) und andere Wirbeltiere. Insgesamt sind Bonoboweibchen häufiger an der Jagd beteiligt (A). Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den beiden untersuchten Populationen. — © Hohmann et al./ Current Biology, CC-by 4.0
Weibchen scheuen weder Risiko noch große Beutetiere
Selbst an den Jagden mit dem höchsten Risiko, in denen die Bonobos andere Affenarten wie den Roten Stummelaffen durch die Baumkronen verfolgten, waren meist genauso viele Weibchen wie Männchen beteiligt. „Vor allem junge Weibchen jagen den Affen in Baumkronen hinterher, die sich verteidigen. Das ist eine wirklich gefährliche Angelegenheit“, sagt Hohmann. Dies widerspreche der Annahme, dass Frauen bei unseren Vorfahren und den Menschenaffen deswegen weniger häufig jagen, weil sie das Risiko für sich und ihren Nachwuchs scheuen.
Noch deutlicher war der Anteil der Jägerinnen, wenn die Bonobos am Boden Huftiere wie Waldantilopen jagten: „In beiden Bonobo-Gemeinschaften fingen die Weibchen dreimal mehr Huftiere als die Männchen“, berichten die Forschenden. Anders als bei den Schimpansen sind es hinterher oft die Weibchen, die die Beute behalten oder unter sich teilen. „Beute zu fangen ist eine Sache, die Kontrolle darüber zu haben, eine andere“, erklärt Hohmann.
„Fenster in die Vergangenheit der Menschheit“
Nach Ansicht der Forschenden werfen diese Beobachtungen ein neues Licht auf das Jagdverhalten unserer nächsten Verwandten – und auf die Geschlechterrollen unserer Vorfahren. „Bonobos sind ein Fenster in die Vergangenheit der Menschheit“, sagt Fruth. „Dank dieser Weibchen sollten wir das Bild neu überdenken, das wir von unseren jagenden und sammelnden Vorfahren haben.“ Denn anders als bisher gedacht seien die Schimpansen möglicherweise kein verlässliches Abbild davon, wie unsere Vorfahren lebten und jagten.
Die Bonobo-Jägerinnen demonstrieren, dass die Jagdteilnahme bei Hominoiden offenbar weniger von grundsätzlichen biologischen Bedingungen abhängt als von der Gesellschaftsstruktur: Schimpansen haben eine klar männliche dominierte Sozialstruktur, in der die Jagd und der Besitz der Beute auch Ausdruck der sozialen Stellung sind. Bei den Bonobos sind beide Geschlechter dagegen gleichgestellt, meist haben sogar Weibchen den höheren Rang, wie die Forschenden erklären.
Gleichberechtigte Arbeitsteilung als ursprüngliches Modell?
„Unsere Ergebnisse wecken Zweifel an der Annahme, dass die Jagd als reine Männersache den ursprünglichen Zustand darstellt“, schreibt das Team. Stattdessen könnten die gemeinsamen Vorfahren von Bonobos, Schimpansen und Menschen eine eher gleichberechtigte Arbeitsteilung gezeigt haben. Die männerdominierte Jagd der Schimpansen wäre dann eine Eigenheit dieses Menschenaffen, die sich erst nach seiner Abspaltung vom gemeinsamen Stammbaum entwickelte.
Allerdings: Wie die Sozialstruktur der ersten Vormenschen aussah und ob dort Männer oder Frauen das Sagen hatten, ist noch völlig ungeklärt. Dadurch ist schwer einschätzbar, ob unsere Vorfahren in ihrem Verhalten eher den Bonobos oder den Schimpansen ähnelten. Die neuen Erkenntnisse unterstreichen aber, dass theoretisch beide Varianten denkbar wären.
Quelle: Gottfried Hohmann (Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie, Konstanz) et al., Current Biology, 2026; doi: 10.1016/j.cub.2026.09.082





