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Auf Beutezug im hohen Norden
Als am 2. August 2007 drei russische Wissenschaftler an Bord des Tauchboots „Mir-1“ den Nordpol erreichten, setzten sie dort umgehend ein deutliches Zeichen: Sie rammten eine Flagge der Russischen Föderation in den Meeresboden unter dem nördlichsten Punkt der Erde, den sie als erste Menschen erreicht hatten. Das…
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von RALF BUTSCHER
Als am 2. August 2007 drei russische Wissenschaftler an Bord des Tauchboots „Mir-1“ den Nordpol erreichten, setzten sie dort umgehend ein deutliches Zeichen: Sie rammten eine Flagge der Russischen Föderation in den Meeresboden unter dem nördlichsten Punkt der Erde, den sie als erste Menschen erreicht hatten. Das Banner im eisigen Wasser des Nordpolarmeers symbolisiert seither – in 4.261 Meter Meerestiefe – den Besitzanspruch des Kreml auf den Nordpol und einen beträchtlichen Teil der ihn umgebenden Arktis. Zugleich ist es ein Sinnbild für die wirtschaftlichen Hoffnungen, die auf dieser unwirtlichen und großenteils noch unerforschten Region ruhen. Denn der hohe Norden birgt eine enorme Menge und Vielfalt an Bodenschätzen – fossile Rohstoffe wie Erdöl und Erdgas ebenso wie Metallerze und Mineralien. Ein großer Teil davon wird erst durch den Klimawandel und seine Folgen zugänglich. Das eröffnet Möglichkeiten für eine künftige, lohnende Nutzung und weckt nicht nur in Moskau Begierde auf die reichen Ressourcen.
Erbe der geologischen Geschichte
Der Rohstoffreichtum der Arktis ist ein Relikt der geologischen Vergangenheit dieser Region. Denn in vielen Bereichen des Ozeans, der sich heute dort erstreckt – und teils das ganze Jahr über von Packeis bedeckt ist –, befand sich vor 40 bis 50 Millionen Jahren ein Kontinent. Er war von zahlreichen Flüssen durchzogen und mit üppiger Flora bewachsen. Davon zeugt etwa ein fossiler Wald auf der Axel-Heiberg-Insel im äußersten Norden von Kanada. Dort fanden Forscher unter anderem die Überbleibsel von 50 Meter hohen Mammutbäumen. Die Pflanzen starben ab, zersetzten sich und wurden im Verlauf von Jahrmillionen zu Kohle, Öl und Gas. Heute lagert ein erheblicher Teil davon im Meeresgrund des Arktischen Ozeans – vor allem in den Schelfmeeren an seinen Rändern: in großen, flachen Meereszonen wie der Barentssee, Karasee und Laptevsee nördlich von Skandinavien und Sibirien.
Diese Randmeere sowie die daran angrenzenden Landmassen von Europa, Asien und Nordamerika umrahmen den Arktischen Ozean und formen ihn zu einem nahezu kreisrunden Becken. Es war jahrtausendelang für einen Großteil des Jahres oder ständig von einem mehrere Meter mächtigen Eispanzer überzogen. Doch das ändert sich. Seit Wissenschaftler der US-Raumfahrtbehörde NASA 1979 begannen, die Dicke und Ausdehnung des arktischen Meereises regelmäßig von Satelliten aus zu vermessen, können sie das Schrumpfen der Eisdecke beobachten. Es ist ein untrügliches Zeichen für die Veränderung des Weltklimas, die in hohen nördlichen Breiten besonders schnell voranschreitet. Dort hat sich die Luft bereits zwei bis viermal so stark erwärmt wie im weltweiten Durchschnitt.
Drastischer Verlust an Meereis
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Das lässt das Eis rasch dahinschwinden. Dadurch ging in den letzten 40 Jahren nicht nur die Ausdehnung des arktischen Eismantels deutlich zurück, vor allem im Sommerhalbjahr. Auch sein Volumen hat sich auf rund ein Viertel verringert – nicht zuletzt, weil seine mittlere Dicke stetig abnimmt. Immer weniger Eis überdauert die sommerliche Schmelzphase und wird zu sogenanntem mehrjährigen Eis. Die Folge: Immer größere Teile der Arktis sind in der warmen Jahreszeit ganz oder teilweise eisfrei. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen zudem, dass sich das Schmelzen noch beschleunigt.
So deuten die Resultate eines Forscherteams aus Südkorea darauf hin, dass vielleicht bereits ab den 2030er-Jahren selbst der Nordpol im Sommer für einige Zeit frei von Eis sein wird. Bislang waren die Klimaforscher davon ausgegangen, dass das erst gegen Ende des 21. Jahrhunderts zu erwarten sei. Die Wissenschaftler um Min Seung Ki von der südkoreanischen Pohang-Universität für Wissenschaft und Technologie hatten für ihre Prognose Messdaten aus Satellitenbildern für jeden einzelnen Monat zwischen 1979 und 2019 ausgewertet und die Daten mit simulierten Veränderungen verglichen. Seine Ergebnisse veröffentlichte das Team um Min Seung Ki im Juni 2023 im Fachjournal „Nature Communications“.
Neue Seewege öffnen sich
Der rasche Schwund des Eises nährt nicht nur die Hoffnung, bislang nicht oder nur unter großem technischen Aufwand und zu hohen Kosten zugängliche Rohstoff-Lagerstätten erschließen zu können, er eröffnet auch Chancen für den weltweiten Handel. Denn er macht Bereiche des Nordpolarmeers schiffbar, die bislang nur für Eisbrecher und speziell ausgerüstete Forschungsschiffe zugänglich waren. Nun öffnen sich neue Seewege auch für Frachtschiffe: zum Beispiel die Nordostpassage, die an der Nordküste Norwegens und Sibiriens entlangführt, sowie die Nordwestpassage. Sie verläuft über rund 5.800 Kilometer vor den Nordküsten von Alaska und Kanada. Beide Routen verkürzen die Wege zwischen den Kontinenten deutlich.
So bedeutet eine Fahrt über die Nordwestpassage rund 4.000 Kilometer weniger Wegstrecke im Vergleich zur bislang üblichen Route durch den Panamakanal – und bringt eine enorme Ersparnis an Zeit und Kraftstoff. Noch größer ist der Unterschied auf der Nordostpassage. Sie verkürzt etwa den Weg von Hamburg nach Tokio um 8.000 Kilometer.
Allerdings: Noch ist das Eis längst nicht so weit verschwunden, dass eine Schiffsreise durch das Nordpolarmeer risikolos möglich wäre. Vielmehr führt der Klimawandel zunächst dazu, dass statt einer geschlossenen Packeisdecke immer wieder große Brocken von Treibeis den Weg versperren. Und die bergen mitunter noch größere Gefahren, da sie sich weitgehend unkalkulierbar auf dem Wasser bewegen. Deshalb haben Ingenieure Fracht- und Tankschiffe entwickelt, die auch mit solchen Eisschollen zurechtkommen. Etwa bei der chinesischen Werft CIMC Raffles: Sie baut den weltweit größten eisgängigen Frachter. Damit lassen sich Waren das ganze Jahr über durch teils offene und teils mit Eis bedeckte Gewässer transportieren.
Solche Schiffe sind unter anderem für die schwedische Werft Wallenius unterwegs, um Holzprodukte aus den Wäldern in Nordskandinavien – auch im Winter – über die Ostsee nach Süden zu bringen. Damit ließen sich auch arktische Meeresgebiete befahren. Eisgängige russische Tankschiffe sind dort bereits unterwegs.
Auf Kreuzfahrt durch die Arktis
Die neuen Routen ermöglichen nicht nur einen schnelleren Transport von Handelsgütern rund um die Welt, sie erschließen die Arktis auch für andere Nutzungen. Zum Beispiel für die Fischerei: Während die Meere in vielen anderen Regionen der Erde aufgrund von Überfischung kaum noch Ertrag abwerfen, sind die Fischgründe im Nordpolarmeer noch weitgehend unberührt. Zudem wandern etliche Fischarten, die kühles Wasser bevorzugen, wegen der steigenden Wassertemperaturen etwa im Atlantik in nördlichere Gefilde ab – zum Beispiel Kabeljau, Makrele und Heilbutt. Um die Region vor einer drohenden Ausbeutung zu bewahren, fordern Umweltschützer nun dringend ein dauerhaftes Fischereiverbot.
Auch der Tourismus in der Arktis blüht. Das belegen beispielsweise Zahlen aus den USA. Dort gaben Touristen 2007 für Reisen zu arktischen Zielen kaum 750.000 US-Dollar aus. Zehn Jahre später waren es rund 16 Millionen Dollar – 20-mal so viel. Die Summe der Kilometer, die Passagierschiffe pro Jahr in den Gewässern der kanadischen Arktis zurücklegten, stieg binnen vier Jahrzehnten von etwa 3.500 auf fast 70.000. Im Jahr 2017 durchquerte mit der „Crystal Serenity“ der US-Reederei Crystal Cruises erstmals ein Kreuzfahrtschiff die Nordwestpassage, mit 1.700 Urlaubern an Bord.
Welche Folgen der aufkeimende Massentourismus für die Umwelt in der Arktis haben wird – etwa durch Schiffsabwässer, Ölverschmutzung, Rußemissionen, das Einschleppen fremder Tierarten und Unterwasserlärm durch den Schiffsantrieb und Sonargeräte – ist kaum abschätzbar, stellen die Forscher des Arktisbüros am Alfred-Wegener-Institut am Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) fest. Das gilt auch für den vielleicht größten wirtschaftlichen Vorteil der neuen Seewege: Sie erleichtern den Zugang zu den überaus üppigen und vielfältigen arktischen Rohstoffvorkommen. So holen die Bergleute des schwedischen Unternehmens LKAB in der größten Eisenerzmine der Welt Jahr für Jahr rund 25 Millionen Tonnen Roheisenerz aus der Tiefe. Die Mine liegt nahe der Stadt Kiruna, die in der schwedischen Provinz Lappland rund 200 Kilometer nördlich des Polarkreises liegt.
Hightech-Metalle vom Polarkreis
In anderen Bergwerken im hohen Norden werden unter anderem Nickel, Kupfer, Zink und Gold abgebaut. Zudem hat die arktische Region große Vorkommen an Hightech-Materialien wie Molybdän, das unter anderem in der Fertigung von Flugzeugen und Raketen verwendet wird, sowie verschiedene Metalle der Seltenen Erden. Beispiele dafür sind die Elemente Erbium, Dysprosium und Neodym, die unverzichtbar sind für die Herstellung von Katalysatoren für Fahrzeuge oder die chemische Industrie, Absorber für UV-Licht und Permanentmagnete. Ausgedehnte Lagerstätten solcher von der Industrie begehrten Rohstoffen gibt es etwa im Norden von Skandinavien, in Alaska und in Sibirien, wo die weltweit größten bekannten Lagerstätten sind.
Eines der wichtigsten Abbaugebiete für metallische Rohstoffe in der Arktis ist die Region um die nordrussische Stadt Norilsk. Dort werden seit etlichen Jahrzehnten vor allem Nickel und Kupfer in großen Mengen gefördert. So stammt rund ein Sechstel der weltweiten Nickelproduktion aus diesem Teil Sibiriens. Daneben liefern die dortigen Minen kostbare Edelmetalle wie Platin, Palladium und Rhodium.
Doch die hemmungslose Ausbeutung der Metallerz-Lagerstätten rund um Norilsk hat weitreichende Auswirkungen auf die Umwelt. So weist der Ort, in dem rund 175.000 Menschen fast ausschließlich vom Bergbau leben – und der als nördlichste Großstadt der Welt gilt – ein enormes Maß an Verschmutzung auf. Dazu trägt vor allem der Ausstoß großer Mengen an Schwefeldioxid durch die Nickelhütten bei. Sie werden von dem Unternehmen Nornickel betrieben, einem Nachfolger des ehemaligen sowjetischen Nickelkombinats Norilsk. Der riesige Betrieb befindet sich südwestlich der Stadt und hat rund 80.000 Beschäftigte. Er gilt als größter einzelner Luftverschmutzer der Welt. Der saure Regen, der sich durch die Schwefeldioxid-Emissionen bildet, hat die Wälder in großem Umkreis weitgehend zerstört.
Die Entdeckung der reichen Nickelvorkommen an den nördlichen Rändern des Mittelsibirischen Berglands geht auf das Jahr 1920 zurück. Der Abbau des Erzes, das in etwa 500 bis 1.500 Meter Tiefe lagert, in großem Stil begann kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Kupferverhüttung in Norilsk entwickelte sich quasi nebenbei, da die geförderten Nickelerze einen bis zu 30-prozentigen Anteil an Kupfer enthalten.
Der Abtransport der verarbeiteten Rohstoffe aus Norilsk ist eine Herausforderung. Denn die Großstadt ist nicht über den Landweg erreichbar, sondern nur per Flugzeug oder Schiff – über den Fluss Jenissei bis zur Hafenstadt Dudinka und dann weiter über das Nordpolarmeer. Die Route durch das arktische Gewässer musste bislang aufwendig durch Eisbrecher freigehalten werden. Künftig, so hoffen die Betreiber der Anlagen in Norilsk, könnte der Rückgang des Packeises die Passage erleichtern.
Vom Goldrausch zum Riesenloch
Auch in der arktischen Region jenseits des Nordpols hat der Abbau von festen Rohstoffen eine lange Tradition. Legendär ist der Goldrausch an den Flüssen Yukon und Klondike Ende des 19. Jahrhunderts. Er lockte mehr als Hunderttausend Abenteurer in das Gebiet um Dawson City, die enorme Mengen an Gold zutage förderten. Das Goldfieber in dieser Region klang wieder ab. Doch noch heute existieren sowohl dort als auch in anderen Gebieten des kanadischen Nordens etliche Goldminen, die teils tiefe Spuren in der Landschaft hinterlassen.
So erscheinen Teile der vorwiegend von Inuit bewohnten Region Kivalliq, rund 300 Kilometer westlich der Hudson Bay, wie eine Mondlandschaft. Sie markiert das Gelände der Meadowbank-Goldmine, die 2010 mit der Erzförderung begonnen und 2019 ihren Tagebaubetrieb wieder eingestellt hat. Das Areal liegt in einer Region, in deren Untergrund Schätzungen zufolge rund 30 Millionen Tonnen Golderz lagern. Mehrere große Minen sind dort momentan in Betrieb. Und bald könnten weitere Bergwerke öffnen.
Andere Schätze birgt das kanadische Nordwest-Territorium, von dem ein großer Teil nördlich des Polarkreises liegt. Dort gibt es immense Vorkommen an Diamanten. Sie haben Kanada zu einem der weltweit größten Produzenten der Edelsteine gemacht. Doch auch Diamanten werden in großen Tagebauen aus der Erde geholt, die die teils riesige und tiefe Löcher in der Landschaft hinterlassen.
Allerdings: Große Bereiche der Arktis sind noch unerforscht. Die geologischen Verhältnisse lassen vermuten, dass es im Untergrund der kaum besiedelten und schwer zugänglichen Gebiete noch viele unbekannte Rohstoffquellen gibt. Sie aufzuspüren und zu erkunden, hat sich wegen des großen Aufwands, der hohen Kosten unter den eisigen Bedingungen bisher kaum rentiert. Und die Suche kommt nur allmählich in Gang. Zudem stößt die Ausweitung der Rohstoffförderung bereits vielerorts auf Widerstand.
Zum Beispiel auf Baffin Island, einer riesigen Insel in Kanadas arktischem Territorium Nunavut: Dort holt das Unternehmen Baffinland Iron Mines seit 2014 im Tagebau Eisenerz aus der Erde, das sich durch einen sehr hohen Eisengehalt auszeichnet. Die Produktion der Mary-River-Mine beträgt vier bis sechs Millionen Tonnen Erz pro Jahr, das vollständig nach Europa geliefert wird.
Baffinland will die Eisenerz-Förderung verdoppeln. Zudem plant das Unternehmen den Bau einer Eisenbahnlinie, um das Erz künftig nicht mehr auf dem Landweg abtransportieren zu müssen. Stattdessen soll es per Bahn zu einem Hafen in einer Meeresbucht befördert werden, die dort lebende Inuit aber tradionell für den Fisch- und Walfang nutzen. Der Schiffsverkehr von und zu dem Hafen würde die Tiere stören und aus der Bucht vertreiben, fürchten die Bewohner der Region. Daher widersetzen sich die Inuit den Ausbauplänen und haben sie vorerst verhindert.
Öl und Gas in Hülle und Fülle
Das größte Potenzial – sowohl für die wirtschaftliche Nutzung als auch für Konflikte mit Umwelt und Bevölkerung – haben die arktischen Ressourcen an fossilen Rohstoffen wie Kohle, Erdöl und Erdgas. Einige Lagerstätten werden bereits seit Langem ausgebeutet, doch viele andere sind noch kaum erforscht – oder werden bislang nur vermutet. Daher lässt gibt es auch nur grobe Schätzungen darüber, wieviel an fossilen Bodenschätzen – von den Experten auch als Energierohstoffe bezeichnet – im Untergrund der Polarregion noch schlummern.
Eine Studie von Wissenschaftlern des Geologischen Dienstes der USA (USGS) von 2008 gibt zumindest einen Hinweis darauf. Die US-Forscher kamen bei ihrer Untersuchung – der bislang einzigen für die gesamte Arktis – zu dem Schluss, dass in den Randmeeren des Arktischen Ozeans und den umgebenden Landgebieten ein erheblicher Teil der gesamten weltweiten Erdöl- und Erdgasvorkommen lagern könnte. Die Geologen vermuten dort rund ein Drittel aller noch unentdeckten Erdgas- sowie ein Achtel der verborgenen Erdölressourcen.
Zank um das Willow-Projekt
Umwelt- und Klimaschützer lassen diese Erkenntnisse schaudern. Denn würden die gewaltigen Vorräte an fossilen Rohstoffen in der Arktis in großem Ausmaß erschlossen, könnte das die Bemühungen um eine deutliche Reduzierung der weltweiten Treibhausgasemissionen zunichtemachen. Doch die Verlockung für Politiker und Energiekonzerne ist groß, zumal auch der Zugang zu diesen Ressourcen durch die fortschreitende Erwärmung der Polarregion erleichtert wird. Einen Vorgeschmack auf das enorme Konfliktpotenzial, das auch in der Ausbeutung arktischer Öl- und Gasvorkommen steckt, bietet die Diskussion um das Willow-Projekt in Alaska.
Die US-Regierung will dort ein riesiges neues Erdölfeld erschließen lassen. Die Pläne dafür stammen noch aus der Amtszeit von Präsident Donald Trump. Die Regierung von Joe Biden hat sie weiter vorangetrieben – und am 13. März 2023 schließlich genehmigt. Sie sehen vor, in einem ökologisch sensiblen Gebiet vor der Nordküste Alaskas zunächst drei neue Bohrplattformen zu bauen, die über 30 Jahre hinweg rund 100 Milliarden Liter Rohöl fördern sollen.
„Die Physik belehrt uns eines Besseren“: Die Meereisphysikerin Stefanie Arndt untersucht antarktischen Schnee. Im Interview berichtet sie, welche Erkenntnisse sie daraus zur Klimaveränderung ziehen kann.
„Die weiße Welt“: Das Meereis in der Arktis schwindet. Wie wirkt sich die Veränderung auf das Leben im Eis und in der Tiefsee darunter aus? Und was bedeutet das für uns Menschen? Ein Essay der Meeresbiologin und Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts Antje Boetius.
Die Ausbeutung des riesigen Ölfelds wäre mit dem Ausstoß von mehr als 280 Millionen Tonnen CO2 und anderer klimaschädlicher Gase verbunden. Das entspricht über 40 Prozent der jährlichen CO2-Emissionen in ganz Deutschland. Zudem befürchten Kritiker negative Folgen für die Gesundheit und das soziokulturelle System der indigenen Bevölkerung in der Region. Auch der im Februar veröffentlichte, offizielle Umweltverträglichkeitsbericht hat diese Vorbehalte bestätigt. Die Entscheidung der US-Regierung für das Willow-Projekt hat das jedoch nicht verhindert. Daher hat die amerikanische Umweltschutzorganisation Earthjustice, auch im Namen mehrerer anderer Umweltverbände, eine Klage gegen das Projekt eingereicht.
Politische Machtspiele
Allerdings: Der Zugriff auf Energie- und andere Rohstoffe bedeutet auch politische Macht. Das haben nicht zuletzt der Ukrainekrieg und seine Folgen gezeigt. Und gerade die Arktis entwickelt sich mehr und mehr zu einem Spielfeld für die internationale Machtpolitik. Das zeigt sich etwa im Wettbewerb zwischen China und den westlichen Ländern, vor allem den Arktis-Anrainern USA und Kanada. So wollte das chinesische Unternehmen Shadong Mining 2021 eine Goldmine im kanadischen Norden übernehmen – und hätte damit auch Zugang zu einem strategisch wichtigen Hafen an der Nordwestpassage erhalten. Die kanadische Regierung lehnte das ab.
Indessen hat Russland, der größte Anrainerstaat der Nordpolarregion, im Oktober 2020 eine nationale Entwicklungsstrategie für die Arktis bis 2035 beschlossen. Die reichlich vorhandenen Rohstoffe, allen voran Gas und Öl, sollen weiter erschlossen und der Bevölkerung bessere Lebensstandards geboten werden. Zugleich hofft man in Moskau, mit der Seeroute entlang der sibirischen Küste langfristig eine neue Arterie der globalen Schifffahrt etablieren zu können.
Auch die Expedition des russischen Forschungs-U-Boots 2007 diente nicht nur der Erkundung der arktischen Tiefsee, sondern vor allem der Sicherung eigener Ansprüche. Ein Ziel war es, durch geologische Untersuchungen zu belegen, dass der Nordpol auf dem Lomonossow-Rücken liegt – und damit ein Teil des russischen Festlandsockels ist. Das Hissen der russischen Flagge am Meeresboden des Nordpols war wohl erst der Anfang eines zähen Ringens um die Ausbeutung der auftauenden Arktis.
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