Fünf Kilometer vor der Küste Westnorwegens liegt die kleine, karge Insel Hespriholmen, auf den ersten Blick kein sehr einladender Ort. Doch auf ihr liegt eine der bedeutendsten archäologischen Fundstätten Norwegens: ein Steinbruch, in dem Menschen schon vor mehr als 6000 Jahren Grünstein (Diabas) abbauten. Dieses sehr alte Gestein ist besonders hart und eignet sich daher gut zur Herstellung von Werkzeugen. Funde von steinzeitlichen Grünsteinäxten und Abbauspuren auf Hespriholmen zeugen davon, dass das begehrte Gestein auf der Insel abgebaut wurde.
Diese Insel zu erreichen, war für die Steinzeitmenschen nicht einfach: Hespriholmen ist von starker Strömung und meist hohen Wellen umgeben. „Es ist wirklich ein gefährliches Gewässer. Diesen Ort konnten die Menschen damals nur besuchen, wenn wenig Wind wehte und kaum Dünung herrschte“, erklärt der Archäologe Arild Skjæveland Vivås vom Maritimen Museum in Stavanger. Zudem besitzt die Insel keine flachen Sandstrände, ihre Küste ist steinig und steil. Wie schafften es die Steinzeitmenschen, dort ihre Boote oder Flöße anzulanden?
Fund am Meeresgrund
Eine Antwort liefert jetzt eine Entdeckung, die Vivås und seine Kollegen in einem heute überfluteten Teil des Grünstein-Steinbruchs von Hespriholmen gemacht haben. Bei Tauchgängen zu einem Haufen mit abgeschlagenen Grünsteinresten und Geröll stießen sie in rund 20 Meter Tiefe auf einen rundlichen Stein mit einer rundherum verlaufenden Rille. Schon die ersten Untersuchungen vor Ort legten nahe, dass diese Rille kein natürliches Phänomen ist, sondern einst von Menschen eingekerbt worden sein muss.
Inzwischen haben die Archäologen den Stein vom Meeresgrund geborgen – auf ähnliche Weise, wie es vermutlich schon vor 6000 Jahren geschah: Sie legten ein Seil in die Rille, banden es fest und zogen den rund 30 Kilogramm schweren Stein nach oben. „Er war sehr gut ausbalanciert und ließ sich sehr leicht mit einem einfachen Seil hochziehen“, berichtet Vivås. Doch wozu diente dieser Stein? Als Beschwerung für ein Fischernetz ist er zu groß und schwer, wie das Team erklärt.

Der rund 30 Kilogramm schwere Ankerstein nach dem Reinigen und Trocknen. — © E. Samuelsen / Bergen Maritime Museum
Ein Anker für die Grünsteintransporte?
Nach Ansicht der Archäologen handelt es sich bei ihrem Fund mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen steinzeitlichen Anker. „Ich bin absolut davon überzeugt, dass dieser Stein eine Ankerfunktion hatte“, sagt Leif Inge Åstveit vom Universitätsmuseum Bergen, einer der leitenden Archäologen für die Forschung auf Hespriholmen. „An fast jedem anderen Ort wäre dieser Fund nicht ganz so außergewöhnlich. Aber dadurch, dass er hier auf dem steinzeitlichen Abraum des Grünstein-Steinbruchs lag, habe ich wenige Zweifel an seiner Funktion.“
Denn um den abgebauten Grünstein verladen zu können, mussten die steinzeitlichen Besucher ihre Flöße oder Boote nahe an das steinige, steile Ufer bringen. Doch dort gab es wegen des Wellengangs wenig Möglichkeiten, ein Boot sicher zu befestigen. Daher liege es nahe, dass die Steinzeitmenschen vor dem Ufer ankerten. „Dass sie dort draußen etwas brauchten, um ihre Boote festzumachen, ist sehr wahrscheinlich“, sagt auch der nicht an dem Fund beteiligte Frühgeschichtler Hein Bjerck von der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie (NTNU).
Der wahrscheinlich älteste Anker der Welt
Sollte sich diese Annahme bestätigen, wäre dieser Stein der älteste bekannte Anker Norwegens – und wahrscheinlich sogar der älteste Anker der Welt. Denn die ältesten sicher datierten Steinanker stammen aus der Bronzezeit und wurden im Mittelmeerraum gefunden. „Erstmal muss der Fund natürlich einer wissenschaftlichen Begutachtung unterzogen und in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung beschrieben werden“, erklärt Vivås. Aber er und sein Team sind sehr zuversichtlich, dass sich ihre Anker-Interpretation dieses Funds bestätigen wird.
„Es ist unglaublich, dass die Menschen in der Steinzeit über das Wissen und die technischen Fähigkeiten verfügten, um sicher zu dieser Insel zu fahren, dort zu ankern und wieder zurückzukommen – und dies mit einer so schweren Ladung“, sagt Vivås. Die Boote transportierten zudem nicht nur die schweren Grünsteine, sondern auf dem Hinweg auch Feuerholz und Werkzeug in Form schwerer Schlagsteine. Bei ihren Tauchgängen haben die Archäologen viele dieser Steine entdeckt. Sie bestehen aus einem nicht auf der Insel vorkommenden Gestein und müssen daher eigens dorthin gebracht worden sein.

Eine Archäologin untersucht die steinzeitliche Grünstein-Abraumhalde vor der Insel Hespriholmen. — © Pål Nymoen / Norwegian Maritime Museum
Hunderte Kubikmeter Grünstein abgebaut und transportiert
Die Archäologen sind noch dabei zu errechnen, wie viel Grünstein die Menschen der Steinzeit auf Hespriholmen abgebaut haben. Schon 1987 gingen erste Schätzungen von 430 Kubikmetern aus - das entspricht der Ladung von 30 bis 40 großen Lkw. „Wir gehen aber davon aus, dass es erheblich mehr war“, berichtet Åstveit. „Das zeigt, wie wichtig der Grünstein für diese Gesellschaft war.“ Äxte aus Grünstein wurden an vielen steinzeitlichen Siedlungsplätzen Westnorwegens gefunden. Die Archäologen vermuten, dass diese Äxte im sozialen Leben eine wichtige Rolle gespielt haben könnten – beispielsweise als Geschenke oder Statussymbole.
„Dass jemand auf die Idee gekommen ist, auf einer kleinen Insel weit draußen im Meer Steine abzubauen, ist schon ziemlich unglaublich“, sagt Vivås. „Und dass die Menschen über Generationen hinweg immer wieder dorthin zurückgekehrt sind, ist ebenso erstaunlich. Das rückt die Dinge für uns in eine andere Perspektive.“
Quelle: Science Norway





