Informatiker und Entwickler von Computerspielen erfinden Apps, die persönliche Kontakte fördern sollen.
Wie man eine Kindheit verpasst”: So ist der Webblog von Rachel Stafford überschrieben. In ihrem bemerkenswerten Internet-Tagebuch schildert die junge Mutter aus Alabama, wie sie mit ihrem Smartphone jahrelang ausgiebig in sozialen Netzwerken chattete, Firmen-E-Mails beantwortete, Videos anschaute – und dabei das richtige Leben verpasste, Erlebnisse mit ihrer Tochter beispielsweise. Sie wolle diese „schmerzhafte Wahrheit” anderen Eltern vermitteln, um ihnen eine solche Erfahrung zu ersparen, schreibt Rachel Stafford.
Die moderne Kommunikation zu verdammen und vor den Folgen ständiger Online-Präsenz zu warnen, gehört inzwischen fast zum guten Ton. Ungewöhnlich ist aber, dass selbst Informatiker Alarm schlagen. „Es ist wichtig, die moderne Technologie sinnvoll anzuwenden”, schränkt Albrecht Schmidt, Professor für Mensch-Maschine-Interaktion an der Universität Stuttgart, dann auch ein. Doch was ist „sinnvoll”? Wie sollten wir Handy, Computer und Co nutzen? „Viele Menschen verbringen mehr Zeit online, als ihnen gut tut”, sagt Nemanja Memarovic von der Fakultät für Informatik der Universität Lugano. Der Computeringenieur beobachtet, dass immer häufiger Freunde oder Familien zwar zusammen sind, aber nicht miteinander reden, weil jeder mit seinem Smartphone beschäftigt ist.
Schneller gesund durch echte Beziehungen
„Von 1997 bis 2009 hat in Großbritannien die Nutzung elektronischer Geräte zugenommen und gleichzeitig die persönliche Kommunikation abgenommen”, zitiert Memarovic eine Studie, deren Ergebnisse sich auf andere Länder übertragen lassen. Und: Erst kürzlich hätten Forschungen ergeben, dass Kranke schneller gesünder werden, wenn sie mehr persönliche als digitale Kontakte haben. „Es wird immer wichtiger, die menschliche Interaktion in die reale Welt zurückzubringen”, betont Memarovic. Gemeinsam mit Kollegen weltweit organisiert er Konferenzen, auf denen sich Informatiker darüber austauschen, wie sich persönliche Kontakte fördern lassen. So ist ein ganz neuer Forschungszweig entstanden, der sich mit „computergestützter sozialer Interaktion” beschäftigt.
Denn auch wenn die Bedenken gegenüber Internet und Handys so alt sind wie die Technologie selbst, wissen die Wissenschaftler bislang kaum etwas über die tatsächlichen Folgen für unseren Alltag. Etwa: Wie verändert das Internet die Beziehungen der Menschen? Dabei geht es nicht nur um Auswüchse wie Cyber-Mobbing. „Darüber wird viel diskutiert. Doch man vergisst völlig, zu beobachten, ob das Internet Freundschaften beeinträchtigt”, sagt der Psychologe und Sozialwissenschaftler Jeffrey Parker von der University of Alabama in Tuscaloosa. „Wir beginnen gerade erst damit, uns um solche subtilen Veränderungen zu kümmern.”
Seine bisherigen Beobachtungen lassen Parker vermuten, dass vor allem die junge Generation – die sogenannten Digital Natives, die mit Computern und Internet aufgewachsen sind – weniger stabile und enge Beziehungen aufbaut als ihre Eltern und Großeltern. „Diese Generation hat zwar starke technische Fähigkeiten, kann aber nur schwache persönliche Kontakte herstellen”, sagt Gary Small, ein Neurowissenschaftler von der University of California in Los Angeles.
Ähnlich argumentiert die US-amerikanische Soziologin Sherry Turkle in ihrem 2012 erschienenen Buch „Alone Together” (deutsche Ausgabe: „Verloren unter 100 Freunden”): „Technologie und soziale Netzwerke im Internet ersetzen zunehmend echte persönliche Beziehungen.” Auffällig ist, dass diese These ausgerechnet aus dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) kommt – einer der weltweit führenden Elite-Universitäten, an der Experten über die Grundlagen der Technik von morgen forschen. Turkle ist dort Professorin für Technologie und Gesellschaft und bezeichnet sich als technologiebegeistert. Aber die aktuelle Entwicklung erschreckt sie: So sagten ihr Jugendliche, dass sie lieber mit einem Programm kommunizieren würden, das auf Künstlicher Intelligenz beruht, als mit ihrem Vater. Die Software wisse doch viel mehr als der Senior, argumentierten sie.
Das iPhone als bester Freund
Turkle traf Studenten, deren sehnlichster Wunsch es war, mit der Sprachsteuerung ihres iPhones endlich wie mit einem guten Freund reden zu können – einem, der immer zuhört. Sie fürchtet, dass die automatische Sprachverarbeitung eines Tages so gut sein wird, dass der Unterschied zu einem Menschen kaum mehr auffällt. Die Technologie mache andere Wesen aus uns, warnt Turkle: „Diese kleinen Geräte, die wir fast alle mit uns herumtragen, verändern nicht nur das, was wir tun”, schrieb sie in einem Artikel für die New York Times, „sondern auch das, was wir sind.”
Dieser These widerspricht Geraldine Fitzpatrick, Leiterin der Human Computer Interaction Group an der Technischen Universität Wien: „Das Problem ist nicht die Technologie selbst, sondern die Art, wie wir sie nutzen.” Und die könne jeder selbst bestimmen. Fitzpatrick möchte den Menschen nicht vorgeben, wie viel Zeit sie offline verbringen. Wer heute in den Wohnzimmern oder Restaurants beobachte, wie die Menschen beieinander sitzen und isoliert auf ihre Handys schauen, könne freilich auf die Idee kommen, dass die Technologie den persönlichen Kontakten im Weg steht.
Deshalb hat sich die Wiener Wissenschaftlerin der internationalen Arbeitsgruppe „Online-Offline-Interaction” angeschlossen: „Für uns als Informatiker ist es wichtig zu erforschen, wie wir die Technologie ändern oder ergänzen können, damit die Menschen mehr persönliche Kontakte haben.”
Die Frage sei, welche Form die Kommunikation habe. Während es zum Beispiel früher an den Unis Schwarze Bretter gab, um den Austausch der Studenten zu fördern, traten an ihre Stelle später Diskussionsforen im Internet, die heute wiederum mehr und mehr von sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter abgelöst werden. Doch entgegen der weit verbreiteten Auffassung säßen die Menschen dadurch nicht nur allein im stillen Kämmerlein: „Netzwerke wie Twitter ermöglichen eine ganz neue Art spontaner Begegnungen”, sagt die Forscherin – zum Beispiel durch einen Tweet wie diesen: „ Ich bin gerade im Pergamon-Museum. Ist jemand von euch in der Nähe?”
Fitzpatricks Schweizer Kollege Nemanja Memarovic beschäftigt sich mit den Schwarzen Brettern der Zukunft: Er hat öffentliche Displays im Visier, wie sie auf immer mehr Bahnhöfen zu finden sind. Gemeinsam mit Informatikern aus Stuttgart und Oulu in Finnland entwickelte er ein Programm, das auf solchen elektronischen Anzeigentafeln überraschende Informationen per Zufallsgenerator präsentiert. Zum Beispiel: „Auf Pitcairn Island leben nur fünf Mal so viele Menschen, wie hier heute um das Display herum stehen.” Die Wissenschaftler beobachteten, wie wildfremde Menschen plötzlich vor dem Bildschirm miteinander zu diskutieren begannen. „Das Feature wirkte als Katalysator für soziale Interaktion”, schreiben er und seine Kollegen in ihrem Forschungspapier.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgen Antonio Krüger und Sven Gehring von der Forschungsgruppe Intelligente Benutzerschnittstellen am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken. Sie entwickelten ein Programm für Smartphones, mit dem Menschen Fassaden von Gebäuden mit einem riesigen öffentlichen Display digital gestalten können. Die Nutzer malen mit dem Finger Muster auf ihren Touchscreen, die direkt auf die Hauswand übertragen werden. Die Forscher beobachteten, wie vor der Fassade fremde Menschen über ihr gemeinsames Kunstwerk ins Gespräch kamen: „Die Nutzer waren offen dafür, offline zu interagieren”, fassen die Forscher zusammen. Diesen Effekt nutzen die Informatiker Maurizio Caon, Elena Mugellini und Omar Abou Kha- led von der Universität für Angewandte Wissenschaft im schweizerischen Fribourg. Sie wollen die Teilnehmer eines Computerspiels im realen Leben zusammenbringen.
Die Spieler werden auf ihren Smartphones vor Aufgaben gestellt, die sie nur durch persönliche Anwesenheit an einem bestimmten Ort oder durch den direkten Austausch mit anderen Spielern lösen können. Sie müssen zum Beispiel die Inschrift eines Denkmals entziffern oder sich vor Ort mit den Mobiltelefonen anderer Spieler verbinden. Jeder bekommt bloß einen Teil der Aufgabe angezeigt, die sich erst im persönlichen Gespräch vollständig lösen lässt.
Gerade im Bereich der Computerspiele sei es wichtig, persönliche Kontakte anzuregen, sagen die Wissenschaftler. Denn während die früheren klassischen Gesellschaftsspiele soziale Kontakte förderten, bewirken Computerspiele häufig das Gegenteil: „Forschungen haben ergeben, dass Videospiele Freunde ersetzen und zu sozialer Isolation führen können”, berichten die Schweizer Forscher. Aber es gibt auch einen Gegentrend: Sogenannte Pervasive Games („Alles durchdringende Spiele”) stecken die Grenzen von Spielen völlig neu ab. Sie machen die reale Umgebung, etwa einen Park oder eine Innenstadt, zur Bühne für das Computerspiel.
Kontaktsuche im Zugabteil
Einen anderen kommunikationsfreien Raum haben sich drei Informatiker der australischen Queensland University of Technology vorgenommen: Zugfahrten. In der Bahn wird meist wenig kommuniziert. Der Grund sei die soziale Norm, dass man Fremde nicht anspricht, meinen die Forscher. Dabei sei es vielen Reisenden auf Zugfahrten langweilig – und sie wüssten gern, mit wem sie gemeinsam reisen. „TrainRoulette” soll da Brücken schlagen.
Die australischen Forscher entwickelten dieses Programm für mobile Geräte, mit denen Passagiere eines Zugs per Funk miteinander Verbindung aufnehmen können. Die Nutzer geben ihre Zugverbindung, ihr Alter, ihr Geschlecht und ihre Interessen an – und können dann sehen, wer ihre Mitreisenden sind und welche Vorlieben diese haben. Sie erfahren nur die Nutzernamen, die sich die Mitreisenden gegeben haben, und können sie durch Eingeben eines Textes ansprechen und sich zu einem persönlichen Gespräch verabreden. „Wir wollen herausfinden, ob man mit solchen computervermittelten Kontakten Offline-Interaktionen fördern kann” , erklären die australischen Forscher.
Die Wiener Informatikerin Geraldine Fitzpatrick findet die Idee reizvoll. Sie kann sich vorstellen, dass sich auch auf wissenschaftlichen Konferenzen Smartphones über die thematischen Vorlieben ihrer Besitzer austauschen – und ein Signal geben, wenn man an jemandem vorübergeht, der sich mit ähnlichen Fragen beschäftigt. „So verpasst man keine spannenden Kontakte”, meint Fitzpatrick.
Wenn auch manche dieser Ideen exotisch anmuten – es gibt Indizien, dass die Informatiker auf offene Ohren in der Bevölkerung stoßen: Nachdem die junge Mutter Rachel Stafford ihren Tagebucheintrag im Mai 2012 ins Netz gestellt hatte, rief sie ein Mitarbeiter ihres Internet-Anbieters an. Die Zugriffe auf ihre Seite seien enorm gestiegen – ob das mit rechten Dingen zugehe? In den folgenden Tagen erreichte sie eine Flut an bestätigenden E-Mails und Kommentaren: Eltern berichteten, dass sie ihre Handys ausgeschaltet ließen und sich zum ersten Mal seit Langem aufmerksam mit ihren Kindern beschäftigt hätten – und wie wertvoll dieser Kontakt für sie sei.
Vielleicht genügen fürs Erste einfache Maßnahmen, um die persönliche Kommunikation zu verbessern. „Ich bin eine Partisanin der Konversation” schließt die Psychologin Sherry Turkle ihren New-York-Times-Artikel. Sie schlägt vor, „heilige Räume” zu schaffen und etwa die Küche, das Esszimmer und das Auto zu gerätefreien Zonen zu erklären. Ihre Vision: In Büros soll es einen wöchentlichen „Konversationstag” geben. Die Kollegen verzichten an diesem Tag auf E- Mails untereinander und unterhalten sich nur von Angesicht zu Angesicht. Vorstellbar? •
EVA WOLFANGEL verfiel früher leicht den Verlockungen des Smartphones. Inzwischen genießt sie oft das reale Leben.
von Eva Wolfangel
Kompakt
· Wer mit Computer und Handy aufwächst, baut weniger stabile menschliche Beziehungen auf als frühere Generationen.
· Spiele, deren Aufgaben sich nur gemeinsam lösen lassen, sollen das ändern.
· Per Smartphone könnten fremde Menschen miteinander ins Gespräch kommen.
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Sherry Turkle Verloren unter 100 Freunden Riemann, München 2012, € 19,99
Internet
Homepage von Geraldine Fitzpatrick, TU Wien: igw.tuwien.ac.at/hci/index.php/people/ geraldine-fitzpatrick





