Die Riesenschildkröten der Galapagosinseln und Seychellen sind für ihre enorme Größe und Langlebigkeit berühmt. Diese Verwandten der normalen Landschildkröten werden bis zu 1,50 Meter lang - warum, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Ebenso rätselhaft ist ihre ungewöhnliche Lebensdauer: Die Seychellen-Riesenschildkröte Jonathan ist geschätzt 194 Jahre alt – er ist damit das älteste lebende Landtier weltweit. Als Jonathan im Jahr 1832 aus dem Ei schlüpfte, erkundete Charles Darwin an Bord der „HMS Beagle“ gerade die südamerikanische Ostküste.
287 einzigartige Genvarianten
Doch was verleiht Jonathan seine Langlebigkeit? Selbst für eine Riesenschildkröte ist er ungewöhnlich alt: „Studien haben für die Seychellen-Riesenschildkröten eine mittlere und maximale Lebensdauer von 80 und 93,7 Jahren ermittelt – Jonathan ist damit rund 100 Jahre älter als für seine Art üblich“, berichten Benjamin Vaisvil von der Kallel Foundation in Nashville und seine Kollegen. Um mehr über die Ursachen von Jonathans Langlebigkeit zu erfahren, haben sie DNA-Proben aus seinem Speichel und Hautschuppen extrahiert und diese sowohl genetisch als auch epigenetisch untersucht.
Das erste Ergebnis: Jonathan teilt mit anderen Riesenschildkröten zahlreiche Gene, die die DNA-Reparatur verbessern und die Endstücke seiner Chromosomen schützen. Seine DNA enthält zudem Gene für eine optimierte Mitochondrienfunktion und eine gute Regulation von Blutzucker und Insulin. Zusätzlich besitzt Jonathan aber noch 287 einzigartige Genvarianten, die in anderen Riesenschildkröten nicht vorkommen, wie Vaisvil und sein Team feststellten. Diese Mutationen verbessern die DNA-Reparatur und schützen vor Zellentartung und Entgleisungen des Stoffwechsels.

Jonathan (links) ist auf den Seychellen geboren, lebt heute aber auf der Insel Sankt Helena im Südatlantik. Vor 144 Jahren wurde er als Geschenk für den Gouverneur dorthin gebracht. — © Joe Hollins 2019
Ein verblüffend „junges“ Muster der DNA-Anhänge
Doch der Schildkröten-Methusalem ist auch in Bezug auf seine Genregulation besonders, wie die Analysen der Methylanhänge an seiner DNA ergaben. Diese epigenetischen Anhänge entscheiden darüber, welche Gene abgelesen werden können und welche blockiert sind. Aus Studien an uns Menschen und anderen Tieren ist bekannt, dass sich das Muster dieses Epigenoms mit dem Alter auf charakteristische Weise verändert. Dadurch lässt die Wirkung vieler schützender Gene mit dem Alter nach.
Nicht so bei Jonathan: Die Methylanhänge an seiner DNA zeigen weniger alterstypische Veränderungen und ein stabileres, weniger durch zufällige Umlagerungen geprägtes Muster. Dadurch bleiben viele Steuersequenzen für wichtige Gene zugänglich und aktiv. „Die Genregulatoren für die zelluläre Energieproduktion und DNA-Reparatur sind bei Jonathan unglaublich stabil geblieben – und das über fast zwei Jahrhunderte hinweg“, berichtet Co-Autor Justin Gerlach von der University of Cambridge. Jonathans epigenetisches Muster ähnelt dadurch dem von sehr viel jüngeren Riesenschildkröten, wie Vergleichsanalysen ergaben.
Erkenntnisse könnten auch uns Menschen helfen
Das bedeutet: Die 194-jährige Riesenschildkröte verdankt ihre außergewöhnliche Langlebigkeit nicht nur guten Genen und günstigen Genmutationen. Auch die chemischen Schalter an Jonathans DNA sind verblüffend jung geblieben. Diese Kombination hat es dem Tier möglich gemacht, die meisten Schäden und Erkrankungen des Alters zu vermeiden oder zumindest aufzuschieben. „Jonathans Genom liefert uns damit eine Blaupause für zelluläre Resilienz“, sagt Seniorautor Stephen Clark von der Kallel Foundation.
Diese Erkenntnisse klären nicht nur das Geheimnis von Jonathans außergewöhnlicher Langlebigkeit, sie könnten auch medizinischen Nutzen haben, wie das Team erklärt. „Unser Ziel ist es, auf Basis dieser evolutionsbiologischen Einblicke praktische, bezahlbare Therapien für uns Menschen zu entwickeln“, sagt Clark. „Denn das Altern ist der größte Risikofaktor für nahezu jede chronische Krankheit.“
Quelle: Benjamin Vaisvil (Kallel Foundation, Nashville, USA) et al., Science Advances, 2026; doi: 10.1126/sciadv.adw8887





