Die Gerüchteküche brodelte lange und heftig: Eine „Revolution in der Fortbewegung” stehe an, munkelte man in den neunziger Jahren – die neueste Schöpfung des Erfinders Dean Kamen und seiner Firma Deka Research in Bedford, New Hampshire. Kamen hatte sich in der Vergangenheit beispielsweise mit der Entwicklung einer tragbaren Insulinpumpe hervorgetan, die unter die Haut implantiert wurde. Doch woran genau der exzentrische Ingenieur, der sich gern als „lebender Daniel Düsentrieb” bezeichnen lässt, gemeinsam mit seinem 35-köpfigen Team diesmal schraubte, war „top secret”.
Als das Produkt Ende 2001 unter dem Namen „Segway” der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, stand die Weltpresse Schlange, um einen Blick darauf zu erhaschen: ein futuristischer Roller. Was das zweirädrige Gefährt einzigartig macht: Die Räder sind nicht hinter-, sondern nebeneinander angeordnet. Der Fahrer steht dazwischen und hält sich an einem fahrradähnlichen Lenker fest. Für die nötige Stabilität sorgt eine ausgeklügelte Steuerung. Fünf Kreiselsensoren, so genannte Gyroskope, registrieren die jeweilige Schieflage und setzen sie nach dem Prinzip eines instabilen Pendels in Bewegung um. Neigt sich der Fahrer nach vorne, rollt der Segway mit bis zu 20 Kilometer pro Stunde los. Einfaches Zurücklehnen bremst den Roller.
Seit März 2003 gibt es das mobile Wunder zu kaufen – vorerst nur in den USA über den Internethändler Amazon.com: für stolze 4500 Dollar. Glaubt man den Ankündigungen, müsste vor knapp einem Jahr die mobile Zukunft auf Erden angefangen haben. Die Wahrheit sieht anders aus. 40000 Roller könnte die Fabrik in Bedford monatlich produzieren – doch bisher sind nach Firmenangaben ganze 6000 Stück verkauft. Aus der Anfangs-Euphorie, die den Wunderroller bis unter die 200 meistverkauften Produkte des Internet-Anbieters Amazon trieb, ist ein jäher Sturz auf Platz 906 (Stand Weihnachten 2003) geworden.
„Wir sind nicht sehr enttäuscht”, behauptet Bob Tuttle, stellvertretender Vorsitzender der Tochterfirma Segway. „Aber es ist schwer, die hoch gesteckten Erwartungen zu erfüllen.” Kamen selbst ist mittlerweile nicht mehr zu sprechen. Gerüchte, der Erfinder habe sich aus Frust über die fehlende Akzeptanz seiner Idee abgeschottet, werden aus Firmenkreisen zumindest nicht dementiert. Umso lauter melden sich jetzt Kritiker zu Wort. Gary Rivlin, Wirtschaftsredakteur beim renommierten New-Business-Magazin „wired”, sieht ziemlich schwarz: „Ich glaube nicht, dass die Firma überleben wird.”
Wohin mit dem Roller? So lautet die Kernfrage. In 41 der 50 US-Bundesstaaten darf der Segway nach einer großen Werbekampagne zwar auf den Gehweg. 10 Staaten haben jedoch Altersbeschränkungen eingeführt, in 9 weiteren muss ein Helm getragen werden. 4 Staaten haben per Vorschrift die Geschwindigkeit des Rollers begrenzt, und allein in Kalifornien haben 34 Städte spezielle Regularien verhängt. Von den Gehwegen San Franciscos ist die mobile Zukunft bereits komplett verbannt.
Und in Deutschland? Hierzulande wird mobile Gegenwart und Zukunft beim Kraftfahrtbundesamt in Flensburg geschrieben. „Auf dem Gehweg? Kommt nicht infrage!” sagt kategorisch Sven Paeslack, der sich im Bundesamt mit innovativer Verkehrstechnik auseinandersetzt. In der Sprache des Gesetzes ist der Roller ein Kraftfahrzeug. Demnach müsste er auf die Straße. Aber auch dort passt er laut Paeslack „in die gängigen Richtlinien nicht hinein” : kein zweites Bremssystem, kein Licht, kein Sitz.
So wird die automobile Zukunft in Deutschland vermutlich ohne Segway stattfinden. Ob die Amerikaner schon angefragt haben, ist sich Paeslack nicht sicher. „Egal”, sagt er, „der Fall liegt so klar, dass er schon nach dem ersten Telefonat zu den Akten gelegt würde.”
Tobias Beck





