„Einer von zehn Menschen wird im Laufe seines Lebens an Darmkrebs erkranken”, sagt Marc Schurr. „Aber früh erkannt ist diese häufige und gefährliche Krebsart heilbar.” Der Mediziner an der Chirurgischen Universitätsklinik Tübingen hat eine gute Nachricht: In wenigen Jahren soll ein neues, leistungsfähiges Hilfsmittel für die Früherkennung und Therapie zur Verfügung stehen, ein Endoskop mit integriertem Mikroskop. Mit Endoskopen können Ärzte selbst die hintersten Winkel der menschlichen Hohlorgane in Augenschein nehmen. Unverzichtbar sind sie für das Aufspüren von Darm- und Magentumoren. Doch für eine sichere Diagnose reicht ihre Genauigkeit nicht aus: Nur ein Mikroskop kann gesundes Gewebe von Krebsgewebe unterscheiden. Bisher wird dem Patienten dazu Gewebe entnommen und im Labor untersucht. Dort beleuchtet ein sogenanntes Laserscanmikroskop die Probe Punkt für Punkt mit einem Laserstrahl. Das Licht, das die einzelnen Gewebepunkte zurückwerfen, setzt ein Computer zu einem Bild zusammen. Streulicht von benachbartem Gewebe wird dabei einfach ausgeblendet, so daß eine sehr kontrastreiche Abbildung entsteht. Das Laserscanmikroskop erlaubt sogar einen Blick unter die Oberfläche: „Man kann einzelne Bilder aus verschiedenen Tiefen überlagern und so Zellen im Gewebeverbund und sogar Zellbestandteile dreidimensional sichtbar machen”, erklärt Ulrich Hofmann vom Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie in Itzehoe. Herkömmliche Geräte sind allerdings so groß wie ein Schreibtisch. Hofmanns Arbeitsgruppe hat nun in Zusammenarbeit mit der Chirurgischen Universitätsklinik in Tübingen und der Berliner Laser- und Medizin-Technologie GmbH das Kunststück fertiggebracht, ein Laserscanmikroskop in den Kopf eines Endoskops zu integrieren. Dabei war es gar nicht nötig, das gesamte Mikroskop zu verkleinern. Auf der Spitze des Endoskops mußten nur die beweglichen Spiegel – die Laserscanner – Platz finden. Sie lenken den Lichtstrahl in knapp zwei Sekunden zu 500 mal 500 Gewebepunkten, die jeweils nur zwei tausendstel Millimeter voneinander entfernt sind. „Mit dem neuen System können wir die mikroskopischen Bilder bereits während der Untersuchung auf dem Monitor sehen”, erklärt Schurr. Das erlaubt nicht nur eine schnelle Diagnose während der Endoskopie, sondern auch eine schonendere Operation: Der Arzt kann damit schon während des Eingriffs sicher zwischen gesundem Gewebe und Krebszellen unterscheiden. In schwierigen Fällen läßt sich das mikroskopierte Bild per Datenleitung einem Experten zuspielen, der den Arzt aus der Ferne bei der Operation berät. Das Gerät soll in etwa drei Jahren auf den Markt kommen.
Klaus Schoepe